Die Idee

Eine Werkbundsiedlung. Etwas beinahe Unzeitgemäßes scheint in diesem Wort mitzuschwingen, das so ganz ohne englische Bestandteile auskommt und etwas sperrig wirkt, als wären ihm seine Geschichte und seine Bedeutung unmittelbar anzusehen. Oder sollten wir sagen: etwas Zeitloses, weil „Werk“, „Bund“ und „Siedlung“ Grundaspekte des menschlichen Zusammenlebens bezeichnen? Zeitlos vielleicht, weil Projekte wie Weißenhof in Stuttgart, die heute noch Maßstäbe setzen, damit verbunden sind? Und große Namen wie Le Corbusier oder Mies van der Rohe?

Der Blick zurück wäre aus Anlass des 100-jährigen Bestehens durchaus gerechtfertigt. Doch der Werkbund hat sich stets durch Zeitnähe ausgezeichnet, durch die intensive und kritische Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegenwart. Es war ein (nicht nur) damals hochaktuelles Phänomen, das zur Gründung des Werkbunds führte, das durch die programmatische

„Veredelung der gewerblichen Qualität“ überwunden werden sollte: die mit der Industrialisierung einhergehende „Entfremdung zwischen dem ausführenden und dem erfindenden Geiste“. Auch die Weißenhofsiedlung und die weiteren Werkbundsiedlungen zielten auf „die Lösung gewisser Grundfragen des Wohnens unter den Bedingungen der heutigen Zeit“ – und gerade aus dieser Zeitgebundenheit resultiert ihre bleibende Bedeutung.

Das Zeitnahe ist immer auch das Menschennahe. Bei aller theoretischen Diskussionslust (und -wut) ging es dem Werkbund stets und vor allen Dingen um den Menschen. Denn die Herstellung hochwertiger Erzeugnisse wurde nicht als Selbstzweck verfolgt, sondern als volkswirtschaftliche und soziale Notwendigkeit gesehen.