Hundert Jahre deutscher werkbund

Vor 23 Jahren habe ich in der „ Zeit“ zum Jubiläum des Deutschen Werkbunds geschrieben: „Mit 75 hat man den wünschenswerten Gipfel erreicht: man ist würdig, anerkannt und geehrt, wird achtungsvoll geliebt, sogar die ärgsten Feinde sind versöhnt. Nichts desto weniger ist man alt. Ist der Deutsche Werkbund alt?!“

Inzwischen ist zu fragen, ob der Deutsche Werkbund vergreist ist. Mit demnächst einhundert Jahren liegt diese Befürchtung nahe. Der Fehler bei dieser Argumentation besteht jedoch darin, eine Institution gleichzusetzen mit einem menschlichen Organismus. Allein durch den Wechsel der Mitglieder ist eine Erneuerung gewährleistet, somit ein steter Zellenaustausch gegeben. Wenn nun trotzdem der Deutsche Werkbund als die Personifizierung einer Idee empfunden wird und die Sorge um sein Wohl und Wehe leicht in den Bereich medizinischer Diagnostik gerät, dann hat das vermutlich seinen Grund darin, dass er vorwiegend von einzelnen Personen getragen worden ist. Diese haben ihm die Anonymität anderer vergleichbarer Institutionen erspart. Er war von Anfang an eine Vereinigung von Idealisten mit einem realistischen Wirklichkeitssinn, deren Bemühen sich weder in Regularien verloren hat noch Fantastereien zuließ. Eine gesunde Empfindung für die Wirkung nach außen war vor allem in den Anfangsjahren zu konstatieren.

Dieses hier eben Gesagte setzt die Kenntnis über die Geschichte des Deutschen Werkbunds voraus: Seine Gründung 1907 in München als ein Zusammenschluss von Künstlern (vorwiegend Architekten), Industriellen und Publizisten. Ihnen allen war die ästhetische Verbesserung der Umwelt ein gemeinsames Anliegen. Das galt im Kleinen wie im Großen. So sollte die neue und bewusstere Gestaltung vom Sofakissen bis zum Städtebau reichen. Am effektivsten ließ sich dieser pädagogische Vorsatz in Form von Publikationen und Ausstellungen darlegen. Vor allem letztere begründeten die Wirkung, ja den Ruhm des Deutschen Werkbunds. In Erinnerung geblieben sind die Kölner Aussstellung 1914, für die fast ein ganzer Stadtteil errichtet wurde, und die Weißenhofsiedlung 1927.

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